Lange Wartezeiten, hohe Kosten, überlastetes Personal, fehlende Kassenärzt*innen, dazu ein für Außenstehende undurchsichtiges Geflecht von Finanzierungsströmen und Zuständigkeiten: Das solidarische öffentliche Gesundheitssystem in Österreich ist an vielen Stellen unter Druck. Während die politisch Verantwortlichen um eine Gesundheitsreform ringen, wechseln immer mehr Menschen, die es sich leisten können, in den privaten Sektor. Und es wird Stimmung gemacht, vor allem gegen marginalisierte und vulnerable Gruppen, die von Kürzungen im Sozialbereich direkt betroffen sind und trotzdem für die Probleme verantwortlich gemacht werden. – Wo die Probleme genau liegen und wie sie behoben werden könnten, darüber diskutierten Expert*innen aus Forschung, Verwaltung und Praxis im Projektraum des Wiener WUK.
Gesundheitspolitik im Widerstreit
Podiumsdiskussion über Sparmaßnahmen, Klassenmedizin und gesellschaftliche Polarisierung zum Abschluss der Ringvorlesung „Gesundheit in Gesellschaft“
Podiumsdiskussion mit Richard Gauss, Elisabeth Hammer, Barbara Prainsack und Dominique Stiefsohn
Moderation: Gudrun Springer, Der Standard
Aufgezeichnet am 23. Juni 2026 im WUK Projektraum, Währinger Straße 59, 1090 Wien
Nach der Begrüßung durch GiG-Co-Direktorin Janina Kehr erläuterte Barbara Prainsack, Politikwissenschafterin an der Uni Wien und Leiterin der Forschungsgruppe Zeitgenössische Solidaritätsstudien, den Unterschied zwischen einem solidarischen und einem als Versicherung organisierten Gesundheitssystem: Während individuelle Versicherungsbeiträge aufgrund von Risiken und zu erwartenden Kosten berechnet werden, sind solidarische Systeme um eine Gemeinsamkeit herum gebaut. Die Beiträge bemessen sich an dem, was Menschen leisten können, und alle sollen die Unterstützung aus dem System bekommen, die sie brauchen.
Das Problem, so Prainsack: „Derzeit erleben viele Menschen das solidarische Prinzip nicht mehr.“ Sie plädierte für Verbesserungen, die nicht nur die Finanzierung in den Blick nehmen: „Redundanzen, Überdiagnosen und Doppelstrukturen einzusparen ist sicher sinnvoll. Vorsorge aber spart Kosten, und es ist auch ethisch wichtig für die Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass es den Menschen gut geht.“
Dominique Stiefsohn ist Sprecherin der Wiener Pflege- und Patient*innen-Anwaltschaft. Ihre Einrichtung weiß aufgrund von rund 9.000 Kontaktaufnahmen pro Jahr: „Viele Menschen kommen mit dem System nicht zurecht." Sie hob insbesondere die Versorgungsdefizite in der Kinder- und Jugendmedizin im niedergelassenen Bereich und in den OP-Kapazitäten hervor: „Viele Kinder fallen schon im Kindergarten aus dem System heraus. Die Eltern müssen die Kosten tragen und bekommen nur einen Bruchteil davon ersetzt.“
Barbara Prainsack
Dominique Stiefsohn
Ist Solidarität messbar?
Für Richard Gauss, Leiter der Strategischen Gesundheitsversorgung der Stadt Wien, ist Solidarität „die härteste Währung, die wir haben“. Sie muss sich in den Strukturen wiederfinden, aber auch messbar sein – etwa in der Anzahl der Menschen ohne Versicherung, die behandelt werden, in den Grätzeln mit Primärversorgungszentren, in der Zeit, die Ärzt*innen für Gespräche haben. Gesundheit dürfe nicht dem Markt überlassen werden, brauche aber effektive Planung: „Ein solidarisches, niederschwelliges öffentliches Gesundheitssystem ist ein Fundament dieser Stadt.“
Elisabeth Hammer ist Geschäftsführerin des neunerhauses, einem Wiener Gesundheitszentrum für wohnungs- und obdachlose sowie nicht versicherte Personen. 2025 wurden 5.317 Patient*innen im neunerhaus versorgt, 61 % hatten keine Krankenversicherung. „Bei uns bündeln sich die Ausschlüsse“, erläuterte Hammer und meinte damit neben Armut und Wohnungslosigkeit auch Sprachbarrieren, Alter, psychische Belastungen oder Sucht. Und die Zahl der Betroffenen steigt: „Es gibt immer mehr Menschen, die auf ein niederschwelliges Gesundheitswesen angewiesen sind, das möglichst integriert arbeitet.“
Was bedeuten Sparmaßnahmen für die Schwächsten im System?
Klar ist: Nicht nur das Gesundheitssystem und seine Mitarbeiter*innen, sondern auch die Menschen selbst kommen immer stärker unter Druck. Es gibt teure Fehlanreize im System – etwa Mehrfachkonsultationen –, gleichzeitig wird im Sozialbereich, in der Suchthilfe, in der sozialpsychiatrischen Versorgung gekürzt. Dabei brauchen gerade vulnerable Menschen mehr Zeit, um Vertrauen aufzubauen und durch das System zu navigieren.
Nicht heute auszugeben, was sich morgen nicht mehr leisten kann, schützt das System vor dem Kollaps und damit diejenigen, die ein solidarisches Gesundheitssystem am dringendsten brauchen, sagte hingegen Richard Gauss: „Effizienz bedeutet, jeden Euro dort einzusetzen, wo er den größten gesundheitlichen Nutzen bringt.“ Österreich hat eines der teuersten Gesundheitssystem der Welt, zu viel bleibe in der Verwaltung hängen. Es brauche daher nicht mehr Geld, sondern es müsse an die richtigen Stellen geschickt werden.
Wie können wir das solidarische System absichern?
Verwaltung, Bundespolitik, Förderalismus, Interessen von Ärzt*innen, Konflikte zwischen einzelnen Bundesländern - Stichwort Gastpatient*innen - und unterschiedliche Zuständigkeiten: Mit zahlreichen Beispielen aus der politischen Praxis vermittelte Richard Gauss ein eindrückliches Bild von der Komplexität der Herausforderung.
Barbara Prainsack kritisierte die laufenden Ausschlussdebatten: „Die größte Gefahr für die Solidarität ist die Überzeugung, dass sie manche nicht verdienen.“ Systeme zur Erfüllung von Grundbedürfnissen wie Gesundheit oder Bildung müssen auf Basis von Gemeinsamkeiten errichtet werden: „Das ist die Grundlage von Gesellschaft."
Sie warnte davor, Fragen der Finanzierung an den Anfang der Überlegungen zu stellen, und plädierte für eine Reform, die mittel- und langfristige Ziele verfolgt: „Helga Nowotny nennt das Kathedralendenken: Die Vorstellung, heute etwas aufzubauen, von dem man die Früchte nicht selbst ernten wird. Dieses Denken brauchen wir auch im Gesundheitssystem."
Neben dem Ansatz Health in All Policies, der Gesundheitsförderung auch als Thema der Finanz-, Wirtschafts- oder Bildungspolitik identifizierte, gibt es zudem nun auch das Konzept Health for All Policies, das ein starkes Gesundheitssystem als Standortvorteil, geopolitischen Vorteil und eine Investition in Wirtschaft erkennt. „Dieses Konzept können mehr Menschen mittragen, auch über polarisierte Gesellschaftsschichten hinweg."
Wie wird mit Verunsicherung Stimmung gemacht?
Investitionen in Gesundheit sind also, ähnlich wie in Bildung oder Umweltschutz, kein Nullsummenspiel, bei dem eine Ausgabe an einer Stelle Kürzungen an anderer Stelle erfordert. Statt dessen sparen sie langfristig Kosten und generieren messbare Vorteile. Trotzdem wird von bestimmten politischen Akteur*innen mit den realen Problemen und der Verunsicherung Stimmung gemacht. Was passiert da?
Elisabeth Hammer beobachtet eine unheilvolle Allianz aus Spardruck, Rechtsruck und wenig spürbaren Verbesserungen für vulnerable Gruppen. Dazu kommt die laufende Entsolidarisierungskampagne, die auch vor dem Gesundheitsbereich nicht halt macht: „Der Rechtsruck diffundiert ins gesellschaftliche Klima und verändert, wie Verwaltung und Bürokratie ticken. Wir beobachten subtile Formen der Leistungsabwehr: Es wird schwieriger, bestehende Ansprüche auch durchzusetzen." Betroffene werden "abgeschasselt" und es wird ihnen unterstellt, sie hätten gemeinsam mit den sie betreuenden NGOs in der Vergangenheit (zu) viele Leistungen bezogen.
An Richard Gauss gewandt, warnte Hammer: „Die Wiener Gesundheitsziele sind nicht umsetzbar, wenn wir den gesellschaftlichen Rechtsruck nicht hintanhalten.“
Dominique Stiefsohn ergänzte Erfahrungen aus der Mittelschicht: „Viele Menschen zahlen 30, 40 Jahre lang ins System ein, werden aber nicht in halbwegs angemessener Zeit behandelt. Das wird dann instrumentalisiert." Wer dazu in der Lage ist, schließt eine Zusatzversicherung ab, „weil es nicht mehr anders geht. Die Krise des Gesundheitssystems ist im Mittelstand angekommen.“ Stiefsohn berichtete von Eltern, die für eine Operation ihres Kindes 6.000 Euro bezahlt haben: „Wenn sie dann von der Sozialversicherung 255,49 Euro erstattet bekommen, nimmt das Verständnis ab und auch das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein."
Elisabeth Hammer
Richard Gauss
Welche Ansätze sind zukunftsweisend?
Im Unterschied dazu skizzierten die Diskutant*innen, wie sie sich ein solidarisches Gesundheitssystem der Zukunft vorstellen.
Richard Gauss wünschte sich „weniger Strukturdebatten, mehr Umsetzungsallianzen“ und war sich darüber hinaus mit Elisabeth Hammer einig, dass eine integrierte, multiprofessionelle Versorgung das Modell der Zukunft ist. Hammer: „Alle Ansätze, die Soziales und Gesundheit verbinden, sind für vulnerable Gruppen wichtig. " Viele innovative Konzepte liegen bereit, etwa Social Prescribing oder niederschwellige psychiatrische Versorgung, und sollten in den Regelbetrieb aufgenommen werden.
Barbara Prainsack und Dominique Stiefsohn wiesen auf die Bedeutung von menschlichem Kontakt und Fürsorge hin: Mehr Zeit für und mehr Kommunikation mit Patient*innen, Stichwort sprechende Medizin, können Folgekosten reduzieren. Digitalisierung und KI sollten nicht flächendeckend Menschen ersetzen, sondern der Entlastung des medizinischen Personals dienen, Zusammenarbeit und Informationsflüsse verbessern und es Patient*innen leichter machen, durchs Gesundheitssystem zu navigieren.
In der darauffolgenden Diskussion mit dem Publikum kamen weitere Aspekte wie ein gesetzlich garantierter Zugang zum Gesundheitssystem, Ausbau der Frauen- und Gendergesundheit und die Bedeutung eines solidarischen Gesundheitssystems für die Friedenssicherung zur Sprache. „Armut macht krank, Krankheit macht arm“, fasste Elisabeth Hammer zum Schluss zusammen – und plädierte für Solidarität statt Stigmatisierung.
Weiterlesen
- Barbara Prainsacks neues Buch States of Solidarity: How to Build a Society ist im Jänner 2026 erschienen.
- Elisabeth Hammers neues Buch Handeln unter Druck: Wie soziale Organisationen wirksamer werden erscheint im September 2026 im Picus-Verlag.
Social Prescribing
Das Konzept des Social Prescribing stammt ursprünglich aus Großbritannien. Es ermöglicht, psychosoziale und emotionale Bedürfnisse von Patient*innen in der Primärversorgung strukturiert zu adressieren und sie – wo passend – an Angebote außerhalb des medizinischen, therapeutischen und pflegerischen Sektors weiterzuvermitteln.
Die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) begleitet derzeit geförderte Einrichtungen der Primär- und pädiatrischen Versorgung beim Auf- und Ausbau von Social Prescribing und entwickelt das Modell für den österreichischen Kontext weiter.